„Kann ich das so sagen?“ – Schreibende sind nicht gleich ihre Geschichten
Die Frage haben wir uns sicherlich schon öfter beim Schreiben gestellt: „Kann ich das so sagen?
Es passiert schon mal, dass wir eine Figur beschreiben oder eine Welt errichten, wo nicht alles unseren Einstellungen und Werten entspricht. Aber für die Geschichte sind diese eben notwendig. Da schwingt manchmal die Sorge mit, ob wir das so schreiben können, oder ob dann die Lesenden denken, dass wir wirklich so eingestellt sind und diese Sachen vertreten.
Manche von euch werden sich denken: „Hä? Ich denke doch nicht, dass die Person, die das geschrieben hat, ein Diktator ist, nur weil das in dem Buch vorkommt?!“
Das ist auch richtig.
Allerdings begegnen uns dann auch wieder Menschen, die das aus irgendeinem Grund glauben. Das sind Menschen, die zwischen Autor*in und Erzählstimme nicht unterscheiden und eben pauschal der Autorin oder dem Autor alles zuschreiben, was diese Stimme von sich gibt.
Jemand im Buch war rassistisch oder diktatorisch oder narzisstisch oder glaubt wilde Dinge, schon wird das auch der*dem Autor*in angehangen. Dabei sind Autor*innen gar nicht gleich ihre Geschichten.
Schreibende ≠ ihre Geschichten
Klar, wenn wir schreiben, packen wir oft etwas von uns in die Geschichten, aber das bedeutet nicht, dass wir das auch zu 100% vertreten im echten Leben. Bei manchem vertreten wir das sogar überhaupt gar nicht. Aber das ist eben ein wichtiger Punkt.
Wenn wir kreativ schreiben und Geschichten erfinden, dann muss das auch gar nicht unserer Überzeugung entsprechen. Es soll ja eine interessante Geschichte sein. Und das sollten wir in unseren Geschichten verarbeiten dürfen, ohne vorgeworfen zu bekommen, dass das unserer Einstellung entspricht. Im besten Fall nehmen wir problematische Themen zwar auf, aber bearbeiten sie so, dass sie eben auch als das dastehen, was sie sind: problematisch. Wir können uns damit auseinandersetzen über die Geschichte. Vielleicht finden wir sogar eine mögliche Erklärung oder einen angebrachten Umgang mit dem Thema durch die Erzählung.
Es heißt aber nicht, dass die schreibenden Personen diese Einstellungen teilen müssen, nur weil das Thema generell erwähnt wurde.
Natürlich gibt es auch Schreibende, die ihre Einstellungen nicht verstecken und in die Öffentlichkeit tragen, aber dafür brauchen sie keine Geschichten. Da reicht scheinbar ein Twitter-Account. Und eine fragwürdige Moral.
Wir halten also fest: Schreibende sind nicht gleich das, was in ihren Geschichten steht. Um die Einstellung einer schreibenden Person zu erfassen, sollten wir uns mit der Person direkt beschäftigen, nicht mit deren fiktivem Werk. Und nur weil vielleicht mal eine Person ihre Einstellung sehr stark in einem Buch verarbeitet hat, sollten wir davon nicht pauschal auf alle schließen.
Du darfst mehr schreiben, als nur die Themen, die voll und ganz deiner Einstellung entsprechen. Dazu gehören natürlich Recherche und eine kritische Auseinandersetzung damit, aber niemand sollte dir nachsagen, dass du jetzt eine problematische Person bist, nur weil ein Thema erwähnt wurde. Du bist nicht gleich alle Themen deiner fiktiven Werke.