Phantastische Geschichten an real existierenden Orten
Für die Auswahl meiner Urlaubslektüre habe ich einen Trick: Ich suche nach einem Buch, das in der Urlaubs-Stadt (oder dem Urlaubsland) spielt, und vertiefe mich sowohl in die neue Umgebung als auch in die Geschichte. Vor zwei Jahren etwa habe ich eine Woche allein in einer Waldhütte an der Nordseeküste verbracht und einen Ostfriesland-Krimi gelesen – das schafft eine ganz andere Atmosphäre. Aktuell liegt ein Amsterdam-Krimi auf dem Buchstapel, der nur auf seinen Einsatz wartet.
Auch andere regional konnotierte Genres erfreuen sich bei Lesenden je nach Jahreszeit besonderer Beliebtheit: Romane über die Liebe in Paris, Finanzthriller aus London, vertracktes Coming-of-Age in Berlin (oder München).
Was für all diese Genres, aber auch für Memoiren oder historische Romane als grundsätzlich akzeptabel gilt, verursacht in der Phantastik hingegen Stirnrunzeln: Real existierende Orte als Schauplätze. „Herr der Ringe“ spielt schließlich nicht in Niedersachsen, sondern Mittelerde – und das aus gutem Grund! Oder? Dabei strotzen die meisten Gegenden nur so vor Legenden, aus denen man phantastische Romane stricken kann. Wer von uns kennt nicht Grimms Märchen oder Rübezahl? (Frau Holle wohnt übrigens in Hessen.)
Schreibende anderer Nationalitäten haben weniger Hemmungen, phantastische Geschichten in ihrer Heimat anzusiedeln. „The City We Became“ von N. K. Jemisin spielt in New York. Laurell K. Hamilton hat ihre Totenbeschwörerin Anita Blake in St. Louis angesiedelt. Gerade deutsche Autor*innen tun sich damit allerdings eher schwer. Sie schicken ihre Vampire eher nach London oder Prag, denken sich Städte aus oder lassen einfach offen, wo die Handlung passiert. Dass dabei ein wichtiges Erzähl-Werkzeug – die lebendige, atmende Kulisse – an Farbe verliert, nehmen sie in Kauf.
Dabei hat es große Vorteile, die eigene Heimat als Bühne für phantastische Abenteuer zu verwenden. Ein Großteil meiner Urban Fantasy- und Horrorgeschichten und sogar ein lustiger Roman spielen beispielsweise in Bonn. Ich lebe hier seit mehr als zwanzig Jahren. Und ich muss mir nicht merken, wie der Platz aussieht, auf dem der Taubendämon lebt – ich kann hingehen und Fotos machen. Wenn ich wissen will, wie das Licht rund um einen bestimmten Friedhof im Dezember ist, fahre ich vorbei und schaue mich um. Eine andere Geschichte habe ich in dem niedersächsischen Ort angesiedelt, in dem ich zur Schule gegangen bin. Für die Recherche dort – Wie lange geht man von A nach B? Wann wird es im Juli im Naturschutzgebiet dunkel? – konnte ich eine Freundin besuchen. Die hat mich auch mit Literatur zu lokalen Sagen und verbürgten historischen Spukerscheinungen versorgt.
Natürlich birgt dieses Vorgehen einige Risiken. Eine Geschichte ist daran gestorben, dass der geplante Schauplatz sich bei näherer Betrachtung als ganz anders erwiesen hat, als ich es mir vorgestellt hatte. Eine Botschaftsruine habe ich in einer Geschichte dem falschen afrikanischen Staat zugeschrieben. Darauf hat mich ein Leser per E-Mail hingewiesen. Jeden Tag an einem Grundstück vorbeizukommen, ersetzt offenbar keine ordentliche Recherche. Doch durch die Recherche sehe ich meinen Wohnort inzwischen mit ganz anderen Augen – auch das ist ein Gewinn, für meine Geschichten und meinen Alltag.
Eine befreundete Autorin erzählte mir vor einiger Zeit, sie sei nie darauf gekommen, dass ihre halbfertige Geschichte „vor Ort“ spielen könne. Erst als sie bei anderen Büchern gesehen hat, wie gut das funktioniert, hat sie es probiert – und ihr Erzählknoten war geplatzt.
Deswegen meine Bitte: Schreibt über das, was ihr kennt. Holt Zombies nach Recklinghausen. Schickt Auftragskiller in den Schwarzwald. Lasst jugendliche Sinnkrisen in Brandenburg stattfinden. Tobt euch aus, holte die Abenteuer vor eure eigene Haustür … und nehmt eure Leser*innen direkt mit.